Seit dem Aufkommen selektiver Androgenrezeptor-Modulatoren wird darüber diskutiert, was für Veränderungen der Körperzusammensetzung effektiver ist: klassische Androgene oder selektiver wirkende Verbindungen. Im Bodybuilding ist diese Frage besonders relevant, da Athleten häufig nach einem Verhältnis zwischen Muskelaufbau, Kraftentwicklung und einem möglichst begrenzten Nebenwirkungsrisiko suchen.
Testosteron und SARMs lediglich danach zu vergleichen, „was stärker ist“, greift jedoch zu kurz. Die Substanzen unterscheiden sich in ihrer Wirkweise, im Umfang der verfügbaren wissenschaftlichen Daten und darin, wie gut ihre kurz- und langfristigen Auswirkungen untersucht sind. Testosteron wird seit Jahrzehnten medizinisch eingesetzt und ist entsprechend umfassend erforscht. Die meisten SARMs sind dagegen bis heute weder für den Muskelaufbau bei gesunden Menschen noch für sportliche Anwendungen zugelassen.
Vergleich der anabolen Aktivität von Testosteron und SARMs
Testosteron ist ein natürlich vorkommendes menschliches Androgen und gleichzeitig ein gut erforschtes anaboles Hormon. Es bindet an Androgenrezeptoren in verschiedenen Geweben, darunter auch in der Skelettmuskulatur, und kann Prozesse fördern, die mit Proteinsynthese und einer Zunahme der fettfreien Körpermasse verbunden sind.
Seine Wirkung beschränkt sich allerdings nicht auf das Muskelgewebe. Testosteron kann über das Enzym Aromatase zu Estradiol und über die 5-Alpha-Reduktase zu Dihydrotestosteron (DHT) umgewandelt werden. Neben der anabolen Wirkung entstehen daher auch systemische endokrine und androgene Effekte.
SARMs wurden mit einem anderen pharmakologischen Ansatz entwickelt. Ziel war es, Androgenrezeptoren bevorzugt in Muskel- und Knochengewebe zu aktivieren und gleichzeitig die Wirkung auf bestimmte andere androgenabhängige Gewebe und Organe zu reduzieren.
Auf dem Papier wirkt diese Gewebeselektivität attraktiv. In der Praxis ist das Bild deutlich komplexer. Verschiedene SARMs unterscheiden sich erheblich voneinander, und eine höhere Gewebeselektivität bedeutet keineswegs, dass systemische Effekte vollständig ausbleiben. Für einzelne Verbindungen wurde eine Zunahme der fettfreien Körpermasse beobachtet, die klinische Datenbasis ist jedoch wesentlich kleiner als bei Testosteron.
Ein weiterer Punkt ist für die Interpretation solcher Studien besonders wichtig. Bei SARMs wird häufig die Veränderung der Lean Body Mass, also der fettfreien Körpermasse, gemessen. Dieser Wert ist nicht mit reiner Muskelmasse gleichzusetzen. Zur fettfreien Körpermasse gehören neben der Skelettmuskulatur unter anderem Wasser, Organe, Bindegewebe und weitere Körperbestandteile. Eine Zunahme der Lean Body Mass sollte daher nicht automatisch als gleich großer Zuwachs an Skelettmuskulatur interpretiert werden.
Testosteron im Bodybuilding
Testosteron wird im Bodybuilding vor allem wegen seiner ausgeprägten und gut dokumentierten anabolen Wirkung eingesetzt. Exogen zugeführtes Testosteron kann die fettfreie Körpermasse und die Kraftleistung erhöhen. Wie stark diese Veränderungen ausfallen, hängt jedoch von zahlreichen Faktoren ab, darunter die gesamte Exposition, Ernährung, Trainingsreiz, Regeneration und die individuelle Reaktion des Körpers.
Aussagen wie „garantierter Aufbau hochwertiger Muskelmasse“ sind deshalb nicht sachgerecht. Testosteron besitzt zweifellos ein hohes anaboles Potenzial, das tatsächliche Ergebnis wird aber niemals allein durch eine einzelne Substanz bestimmt.
Im Bereich der Sportpharmakologie gibt es Testosteron in verschiedenen Esterformen. Sie enthalten dasselbe aktive Testosteron-Grundgerüst, unterscheiden sich jedoch in der Geschwindigkeit der Freisetzung und in der Wirkdauer. Diese Unterschiede beeinflussen in erster Linie die Pharmakokinetik und bedeuten keinen grundsätzlich anderen Mechanismus der anabolen Wirkung.
Exogenes Testosteron unterdrückt außerdem die körpereigene Hormonachse. Darüber hinaus kann es unter anderem Hämatokrit, Lipidprofil, Blutdruck und Fortpflanzungsfunktion beeinflussen. Die physiologischen Auswirkungen reichen deshalb weit über das Muskelgewebe hinaus.
SARMs im Bodybuilding und ihr Einfluss auf den Muskelaufbau
Das Interesse an SARMs im Bodybuilding entstand zu einem großen Teil aus dem Versuch, eine anabole Wirkung zu erzielen und gleichzeitig bestimmte klassische androgenbedingte Nebenwirkungen weniger stark auszuprägen.
Diese Verbindungen sind ihrer chemischen Struktur nach keine Steroide, interagieren jedoch mit demselben Androgenrezeptor. Dadurch können sie Prozesse beeinflussen, die unter anderem für Muskel- und Knochengewebe relevant sind.
Einige SARMs, die im sportlichen Umfeld mit Muskelaufbau in Verbindung gebracht werden, haben in klinischen Studien tatsächlich eine Zunahme der fettfreien Körpermasse gezeigt. Deutlich weniger eindeutig sind jedoch die Daten zu Kraft, körperlicher Funktion und vor allem zur langfristigen Sicherheit.
SARMs sollten deshalb nicht als lokal wirkende Substanzen betrachtet werden, die ausschließlich die Muskulatur beeinflussen. Sie zirkulieren systemisch im Körper und können unter anderem Auswirkungen auf die hormonelle Achse, die Blutfette, Leberwerte und weitere physiologische Prozesse haben.
Die meisten typischen nichtsteroidalen SARMs aromatisieren zudem nicht zu Östrogenen. Das unterscheidet sie von Testosteron. Daraus lässt sich jedoch weder ableiten, dass Veränderungen des Wasserhaushalts vollständig ausgeschlossen sind, noch dass andere Nebenwirkungen ausbleiben.
Wie SARMs die körpereigene Testosteronproduktion beeinflussen
Zu den verbreitetsten Vorstellungen über SARMs gehört die Annahme, dass sie das Hormonsystem kaum beeinflussen. Die Selektivität am Androgenrezeptor hebt die physiologische negative Rückkopplung jedoch nicht auf.
Wenn die androgene Aktivität im Körper zunimmt, kann die Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse die körpereigene Stimulation der Hoden reduzieren. Dadurch kann die endogene Testosteronproduktion sinken.
Wie stark SARMs den Testosteronspiegel beeinflussen, hängt von der jeweiligen Verbindung, der Dauer der Exposition und der individuellen Reaktion ab. Auch Substanzen, die im sportlichen Umfeld häufig als vergleichsweise „mild“ bezeichnet werden, können die körpereigene Testosteronproduktion senken und Veränderungen bei LH und FSH verursachen.
Die Aussage, SARMs würden die natürliche Hormonproduktion grundsätzlich „auf maximalem Niveau“ erhalten, entspricht daher nicht der tatsächlichen Physiologie.
Testosteron-Suppression bei der Verwendung von SARMs
Der zentrale Mechanismus der hormonellen Suppression beruht auf negativer Rückkopplung. Der Körper registriert die zusätzliche androgene Stimulation und reagiert darauf, indem die eigene Hormonsignalisierung und Hormonproduktion reduziert werden können.
Das Ausmaß der Testosteron-Suppression lässt sich dabei nicht pauschal als ausschließlich leicht oder moderat beschreiben. Es kann sich zwischen verschiedenen SARMs deutlich unterscheiden und hängt sowohl von der Dauer der Exposition als auch von den Eigenschaften der jeweiligen Substanz und der individuellen Empfindlichkeit ab.
Im Vergleich zu klassischen anabolen Steroiden können einzelne SARMs tatsächlich ein anderes Suppressionsprofil aufweisen. Daraus folgt allerdings nicht, dass sie automatisch sicherer für das Hormonsystem sind.
Ein zusätzliches Problem besteht darin, dass Produkte mit SARMs auf dem Sportmarkt nicht immer dem auf dem Etikett angegebenen Inhalt entsprechen. Weicht die tatsächliche Konzentration von der Deklaration ab oder enthält ein Produkt zusätzliche Wirkstoffe, wird es noch schwieriger, das Ausmaß der hormonellen Suppression vorherzusagen.
Erholung der Testosteronproduktion nach SARMs
Nach dem Absetzen von SARMs kann sich die hormonelle Achse schrittweise erholen. Einen universellen Zeitraum, in dem dies bei jedem Menschen geschieht, gibt es jedoch nicht.
Bei einer Person können sich die Laborwerte relativ schnell wieder den Ausgangswerten annähern, während die Suppression bei einer anderen deutlich länger bestehen bleibt. Eine Rolle spielen dabei unter anderem die verwendete Verbindung, die Dauer der Exposition, das Ausmaß der hormonellen Unterdrückung und der Ausgangszustand des endokrinen Systems.
Daher lässt sich nicht seriös behaupten, dass sich eine normale körpereigene Testosteronproduktion nach SARMs grundsätzlich innerhalb weniger Wochen vollständig wiederherstellt.
Bleiben nach dem Absetzen Symptome eines Hypogonadismus bestehen oder sind Laborparameter weiterhin auffällig, ist eine medizinische Beurteilung erforderlich. Ob eine medikamentöse Behandlung einschließlich einer Post Cycle Therapy (PCT) überhaupt notwendig oder sinnvoll ist, sollte anhand der Laborwerte und des individuellen Zustands beurteilt werden und nicht automatisch nach jeder Verwendung von SARMs erfolgen.
Nebenwirkungen, hormonelle Risiken und Kontrolle relevanter Werte
SARMs werden häufig als sicherere Alternative zu anabolen Steroiden vermarktet. „Selektiver“ und „sicher“ sind jedoch nicht dasselbe.
Bei der Verwendung androgen wirksamer Substanzen können Laborwerte relevant sein, die hormonelle und metabolische Veränderungen widerspiegeln:
- Gesamt- und freies Testosteron sowie LH und FSH;
- Lipidprofil einschließlich HDL und LDL;
- Leberwerte einschließlich ALT und AST;
- Blutbild und weitere Parameter, sofern medizinisch angezeigt.
Eine labormedizinische Überwachung kann dabei helfen, bestimmte Veränderungen zu erkennen. Sie macht die nicht-medizinische Verwendung von SARMs oder anabolen Steroiden jedoch nicht automatisch sicher.
Für die meisten SARMs existieren außerdem keine zugelassenen Anwendungsschemata für Bodybuilding, Definition oder Muskelaufbau. Deshalb gibt es weder eine wissenschaftlich bestätigte „sichere Zyklusdauer“ noch eine universelle Dosierung für sportliche Zwecke.
Testosteron und SARMs: Unterschiede in der Evidenzlage
Dieser Punkt gehört zu den wichtigsten Aspekten des gesamten Vergleichs.
Testosteron wird seit Jahrzehnten wissenschaftlich untersucht. Seine Physiologie und Pharmakologie, die medizinischen Einsatzgebiete, die anabolen Wirkungen und viele der potenziellen Risiken sind vergleichsweise gut bekannt.
Bei SARMs ist die Datenlage wesentlich begrenzter. Für einzelne Verbindungen existieren kontrollierte Studien am Menschen. Viele Substanzen, die in der Bodybuilding-Szene populär geworden sind, wurden jedoch nur eingeschränkt untersucht oder haben überhaupt keine Zulassung für eine medizinische Anwendung erhalten.
Daraus ergibt sich ein wichtiger Widerspruch: SARMs werden häufig als „moderne und sicherere Version von Steroiden“ wahrgenommen, obwohl gerade ihre langfristigen Auswirkungen deutlich schlechter untersucht sind.
| Merkmal | Testosteron | SARMs |
|---|---|---|
| Primäres Ziel | Androgenrezeptor | Androgenrezeptor |
| Gewebeselektivität | Gering | Bei einzelnen Verbindungen höher, abhängig vom jeweiligen SARM |
| Evidenz für eine Zunahme der fettfreien Körpermasse | Gut untersucht | Für einzelne Verbindungen vorhanden |
| Daten zu Kraft und körperlicher Funktion | Umfangreiche Evidenz | Begrenzt und nicht eindeutig |
| Unterdrückung der körpereigenen Hormonachse | Ausgeprägt | Möglich und kann erheblich sein |
| Aromatisierung | Möglich | Für typische nichtsteroidale SARMs nicht charakteristisch |
| Langfristige Datenlage | Umfangreich | Deutlich begrenzter |
| Zulassung für Muskelaufbau bei gesunden Sportlern | Nein | Nein |
Der Unterschied in der Evidenzlage ist damit erheblich. Während bei Testosteron sowohl die anabolen Effekte als auch zahlreiche Risiken über lange Zeit untersucht wurden, basiert die Beurteilung vieler SARMs auf einer wesentlich kleineren und häufig weniger langfristigen Datenbasis.
Testosteron oder SARMs – was ist besser?
Eine pauschale Antwort im Sinne von „eine Variante ist besser als die andere“ gibt es nicht. Hier werden Substanzen beziehungsweise Substanzgruppen miteinander verglichen, die sich hinsichtlich ihrer Pharmakologie und vor allem des Umfangs ihrer wissenschaftlichen Untersuchung deutlich unterscheiden.
Testosteron besitzt eine gut belegte anabole Wirkung und eine wesentlich umfangreichere Evidenzbasis. Gleichzeitig hat es systemische hormonelle Auswirkungen, unterdrückt die körpereigene Testosteronproduktion und ist mit androgenen, reproduktiven und kardiovaskulären Risiken verbunden.
SARMs wurden als gewebeselektivere Modulatoren des Androgenrezeptors entwickelt. Für einige dieser Verbindungen konnte eine Zunahme der fettfreien Körpermasse gezeigt werden. Zur langfristigen Sicherheit gibt es jedoch erheblich weniger Daten. Auch SARMs können die körpereigene Testosteronproduktion unterdrücken und andere Laborwerte verändern.
Die Behauptung, SARMs seien eine nachweislich sichere Alternative zu klassischen anabolen Steroiden, ist deshalb nicht haltbar. Gleichzeitig sollten auch nicht alle SARMs als identische Stoffgruppe behandelt werden. Pharmakologisches Profil, Selektivität und wissenschaftliche Datenlage unterscheiden sich zwischen den einzelnen Verbindungen teilweise erheblich.
Für das Bodybuilding liegt ein zentraler Unterschied daher nicht nur in der potenziellen anabolen Aktivität, sondern auch im Umfang der verfügbaren Daten. Testosteron ist wesentlich umfassender untersucht, während die Verwendung von SARMs zur Veränderung der Körperzusammensetzung in der Praxis der wissenschaftlichen Evidenz, die für viele dieser Substanzen heute verfügbar ist, deutlich vorausgeeilt ist.





