Die Auswahl an Medikamenten zur Gewichtsreduktion ist in den vergangenen Jahren deutlich größer geworden. Gleichzeitig stellen sich immer mehr Fragen: Worin unterscheiden sich moderne Wirkstoffe zur Gewichtsabnahme? Wie stark beeinflussen sie den Appetit? Und was passiert während des Gewichtsverlusts nicht nur mit dem Körperfett, sondern auch mit der Muskelmasse?
Semaglutid, Tirzepatid und Retatrutid wirken auf hormonelle Signalwege, die an Sättigung, Essverhalten und Energiestoffwechsel beteiligt sind. Deshalb sollte der Erfolg einer Behandlung nicht allein anhand der Zahl auf der Waage beurteilt werden. In diesem Artikel vergleichen wir die drei Wirkstoffe verständlich miteinander und betrachten dabei insbesondere Appetitkontrolle, Gewichtsverlauf sowie Veränderungen der fettfreien Masse und der Muskulatur.
Dabei unterscheidet sich ihr aktueller Entwicklungs- und Zulassungsstatus deutlich. Semaglutid und Tirzepatid werden bereits entsprechend ihrer jeweiligen Indikationen medizinisch eingesetzt, während Retatrutid weiterhin ein Wirkstoff in klinischer Entwicklung ist.
Semaglutid, Tirzepatid und Retatrutid: Wirkmechanismen und wichtigste Unterschiede
Semaglutid gehört zu den GLP-1-Rezeptoragonisten. Der Wirkstoff ahmt die Wirkung eines natürlichen Inkretinhormons nach, das unter anderem an der Regulation von Sättigung und Blutzucker beteiligt ist. In der Praxis kann dies den Appetit reduzieren, das Sättigungsgefühl verstärken und die insgesamt aufgenommene Nahrungsmenge verringern. Zur Gewichtsreduktion wird Semaglutid nach einem ärztlich festgelegten Behandlungsschema eingesetzt.
Tirzepatid unterscheidet sich durch seinen dualen Wirkmechanismus: Der Wirkstoff aktiviert sowohl GIP- als auch GLP-1-Rezeptoren. In der direkten Vergleichsstudie SURMOUNT-5 bei Erwachsenen mit Adipositas ohne Diabetes führte Tirzepatid bis Woche 72 zu einer stärkeren durchschnittlichen Gewichtsabnahme als Semaglutid – 20,2 % gegenüber 13,7 %.
Retatrutid ist ein noch untersuchter dreifacher Agonist an GIP-, GLP-1- und Glukagonrezeptoren. Dieser Wirkmechanismus wird als einer der möglichen Gründe für die ausgeprägte Gewichtsreduktion in klinischen Studien betrachtet. Retatrutid ist jedoch bislang nicht als reguläre Therapie der Adipositas zugelassen, und sowohl Wirksamkeit als auch Sicherheitsprofil werden weiterhin untersucht.
Wie beeinflussen die Wirkstoffe Appetit und Essverhalten?
Alle drei Wirkstoffe greifen in Signalwege ein, die mit Sättigung und Energiehaushalt verbunden sind. Ihre Wirkung lässt sich deshalb nicht allein darauf reduzieren, wie stark sie das Hungergefühl unterdrücken.
Semaglutid kann den Appetit verringern, das Sättigungsgefühl verstärken und die Magenentleerung verlangsamen. Dadurch kann es leichter werden, Portionsgrößen zu kontrollieren und eine kalorienreduzierte Ernährung einzuhalten.
Auch Tirzepatid beeinflusst Appetit und Essverhalten deutlich, aktiviert zusätzlich jedoch den GIP-Rezeptor. Weniger Hunger und eine stärkere Sättigung können die insgesamt aufgenommene Nahrungsmenge reduzieren und das Einhalten eines Kaloriendefizits erleichtern.
Retatrutid wirkt gleichzeitig auf drei hormonelle Zielstrukturen. Sein dreifacher Wirkmechanismus wird mit ausgeprägten Effekten auf Körpergewicht und Energiestoffwechsel in Verbindung gebracht. Die klinische Erfahrung beim Menschen ist bislang allerdings deutlich geringer als bei Semaglutid und Tirzepatid.
Medikamente zur Appetitkontrolle sollten daher nicht ausschließlich danach beurteilt werden, „welches am stärksten den Hunger unterdrückt“. Ebenso wichtig sind Sättigung, Verträglichkeit, tatsächliche Nahrungsaufnahme, Nebenwirkungen und die Frage, ob sich eine Ernährung langfristig einhalten lässt.
Semaglutid, Tirzepatid und Retatrutid im Vergleich: Wirksamkeit bei der Gewichtsabnahme
In der STEP-1-Studie führte Semaglutid in einer Dosierung von 2,4 mg einmal wöchentlich über 68 Wochen zu einer durchschnittlichen Gewichtsreduktion von 14,9 %, verglichen mit 2,4 % unter Placebo.
Tirzepatid erzielte im direkten Vergleich mit Semaglutid eine stärkere Gewichtsreduktion. In SURMOUNT-5 betrug die durchschnittliche Abnahme des Körpergewichts bis Woche 72 20,2 % gegenüber 13,7 % unter Semaglutid.
Retatrutid zeigt in seinem eigenen klinischen Entwicklungsprogramm ebenfalls sehr hohe Werte. Prozentangaben aus unterschiedlichen Studien sollten jedoch nur mit Vorsicht direkt miteinander verglichen werden. Studiendauer, Eigenschaften der Teilnehmer, eingesetzte Dosierungen und Methoden zur Auswertung der Ergebnisse können sich deutlich unterscheiden.
Korrekt ist daher die Aussage, dass Tirzepatid Semaglutid in einer direkten Head-to-Head-Studie hinsichtlich der durchschnittlichen Gewichtsabnahme übertraf. Retatrutid lässt sich dagegen noch nicht verlässlich in eine gemeinsame Rangliste mit diesen beiden Wirkstoffen einordnen, da bislang kein entsprechender direkter Vergleich vorliegt.
Semaglutid: Appetitkontrolle, Gewichtsverlauf und Einfluss auf die Körperzusammensetzung
Semaglutid kann den Appetit deutlich reduzieren. Bei manchen Menschen wird es dadurch schwieriger, die gewohnte Menge an Nahrung, Protein und Gesamtenergie aufzunehmen.
Bei einer ausgeprägten Gewichtsabnahme nimmt nicht nur die Fettmasse ab, sondern häufig auch ein Teil der fettfreien Masse. Dabei ist wichtig: Fettfreie Masse ist nicht mit Muskelmasse gleichzusetzen. Sie umfasst neben der Skelettmuskulatur auch Wasser, innere Organe, Bindegewebe und weitere Bestandteile des Körpers.
Ein Rückgang der Lean Mass kann daher nicht automatisch als Verlust derselben Menge an Skelettmuskulatur interpretiert werden. Für Sportler bleiben eine ausreichende Proteinzufuhr, regelmäßiges Krafttraining und die Beobachtung der Trainingsleistung dennoch besonders wichtig.
DEUS MEDICAL
Semaglutid Peptid in Vials
Tirzepatid: Wirkprofil und Unterschiede zu Semaglutid
Tirzepatid wirkt gleichzeitig auf GIP- und GLP-1-Rezeptoren. Diese duale Inkretinaktivität ist der zentrale pharmakologische Unterschied zu Semaglutid.
Im direkten Vergleich führte Tirzepatid zu einer stärkeren durchschnittlichen Gewichtsreduktion. Daten zur Körperzusammensetzung zeigen zugleich, dass der Gewichtsverlust sowohl Fettmasse als auch fettfreie Masse umfasst.
In einer DXA-Analyse aus SURMOUNT-1 entfielen ungefähr 75 % des verlorenen Gewichts auf Fettmasse und rund 25 % auf fettfreie Masse.
Damit zeigt sich, dass der größte Teil des Gewichtsverlusts aus Fett besteht, gleichzeitig aber auch fettfreie Masse zurückgehen kann. Tirzepatid sollte daher nicht als Wirkstoff betrachtet werden, der Muskelmasse automatisch schützt.
Retatrutid: Potenzial des neuen Wirkstoffs und aktuelle Datenlage
Retatrutid aktiviert gleichzeitig drei Rezeptoren – GIP, GLP-1 und Glukagon. In einer früheren klinischen Studie führte die höchste untersuchte Dosis innerhalb von 48 Wochen zu einer Gewichtsreduktion von bis zu 24,2 %.
2026 berichtete Eli Lilly außerdem über positive Ergebnisse aus mehreren Phase-III-Studien. In TRIUMPH-1 lag die durchschnittliche Gewichtsreduktion unter 12 mg bei 28,3 % nach 80 Wochen, während in TRIUMPH-2 und TRIUMPH-3 Werte von bis zu 20,8 % beziehungsweise 22,6 % erreicht wurden.
Dabei muss der Status dieser Daten berücksichtigt werden. Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Artikels wurden die Phase-III-Ergebnisse vom Hersteller als vorläufige Topline Results veröffentlicht. Eine vollständige Bewertung von Wirksamkeit, Verträglichkeit und einzelnen sekundären Endpunkten setzt daher die Veröffentlichung der detaillierten Studiendaten voraus.
Retatrutid zeigt unter den hier aufgeführten Einzelstudien die höchsten durchschnittlichen Werte für die Gewichtsabnahme. Ein direkter Head-to-Head-Vergleich mit Semaglutid oder Tirzepatid liegt bislang jedoch nicht vor.
Wie beeinflusst Gewichtsverlust die Muskelmasse?
Eine schnelle Gewichtsabnahme kann mit einem Rückgang der fettfreien Masse einhergehen. Das bedeutet nicht, dass derselbe Prozentsatz direkt als Skelettmuskulatur verloren geht. Bei einem großen und lang anhaltenden Energiedefizit wird der Erhalt von Muskelmasse für Sportler dennoch besonders relevant.
Die wichtigsten Faktoren sind:
- eine ausreichende Proteinzufuhr;
- regelmäßiges Krafttraining;
- ein moderates Tempo der Gewichtsabnahme;
- ausreichende Regeneration;
- der möglichst gute Erhalt der Trainingsleistung.
Eine zu starke Einschränkung der Nahrungszufuhr erhöht unabhängig vom verwendeten Wirkstoff das Risiko eines unerwünschten Verlusts an fettfreier Masse und Muskelgewebe.
Vergleich der Wirkstoffe im Hinblick auf den Muskelerhalt
Der Einfluss dieser Medikamente auf die Muskulatur ist schwieriger zu beurteilen als die reine Veränderung des Körpergewichts. Für Semaglutid und Tirzepatid liegen bereits DXA-Daten und weitere Analysen der Körperzusammensetzung vor. Bei Retatrutid ist die entsprechende Datenlage derzeit noch begrenzter.
Unter Semaglutid nehmen sowohl Fettmasse als auch fettfreie Masse ab. Der Rückgang der Lean Mass ist dabei kein spezifischer Nebeneffekt ausschließlich dieses Wirkstoffs, sondern tritt auch bei vielen anderen Formen einer ausgeprägten Gewichtsabnahme auf.
Auch Tirzepatid führt zu einem gewissen Rückgang der fettfreien Masse, wobei Analysen der Körperzusammensetzung zeigen, dass der größte Anteil des Gewichtsverlusts auf Fettgewebe entfällt.
Bei Retatrutid ist diese Frage aufgrund der sehr starken Gesamtgewichtsreduktion besonders relevant. Die bisher verfügbaren Daten reichen jedoch nicht aus, um sicher zu behaupten, dass der Wirkstoff hinsichtlich des Erhalts von Skelettmuskulatur besser oder schlechter abschneidet als Semaglutid oder Tirzepatid.
Für Sportler ist deshalb bei jedem dieser Wirkstoffe nicht nur die Geschwindigkeit der Gewichtsabnahme entscheidend, sondern auch deren Qualität: Kraftwerte, ausreichende Ernährung und Veränderungen der Körperzusammensetzung sollten gemeinsam betrachtet werden.
Verträglichkeit und Nebenwirkungen: was berücksichtigt werden sollte
Bei Semaglutid und Tirzepatid gehören gastrointestinale Beschwerden zu den häufigsten unerwünschten Wirkungen. Dazu zählen insbesondere Übelkeit, Durchfall, Erbrechen, Verstopfung und abdominale Beschwerden.
Wie stark diese Symptome ausfallen, unterscheidet sich individuell und kann sich je nach Phase der Behandlung und im Zusammenhang mit einer Dosiserhöhung verändern.
Bei Retatrutid wird das Sicherheitsprofil im Rahmen des klinischen Entwicklungsprogramms weiterhin untersucht. Aktuell kann der Wirkstoff nicht als ebenso umfassend unter realen medizinischen Bedingungen untersucht gelten wie Semaglutid und Tirzepatid.
Für Sportler ist die Verträglichkeit besonders relevant. Eine sehr starke Appetitunterdrückung oder anhaltende gastrointestinale Beschwerden können es erschweren, ausreichend Protein, Flüssigkeit und Gesamtenergie aufzunehmen, die für den Erhalt von Muskelgewebe benötigt werden.
Wie lässt sich ein Wirkstoff unter Berücksichtigung von Zielen, Risiken und Gesundheitszustand auswählen?
Die Wahl eines Medikaments zur Gewichtsreduktion sollte nicht allein davon abhängen, welcher Wirkstoff in einer Studie den höchsten prozentualen Gewichtsverlust erzielt hat. Jeder Mensch bringt unterschiedliche Ziele, gesundheitliche Voraussetzungen und individuelle Risikofaktoren mit.
Vor einer Verordnung berücksichtigt der Arzt unter anderem Begleiterkrankungen, bereits eingenommene Medikamente, mögliche Kontraindikationen und die individuelle Verträglichkeit.
Ebenso wichtig ist die Frage nach dem eigentlichen Behandlungsziel. Für manche Menschen steht die Reduktion des gesamten Körpergewichts im Vordergrund. Für andere sind eine bessere Appetitkontrolle und weniger ständiger Drang zu essen besonders relevant. Bei Sportlern kommt als eigenständiges Ziel der möglichst gute Erhalt von Muskelmasse und Trainingsleistung hinzu.
Semaglutid kann als gut untersuchter GLP-1-Rezeptoragonist mit belegter Wirkung auf Appetit und Körpergewicht betrachtet werden.
Tirzepatid erzielte in einer direkten Vergleichsstudie eine stärkere durchschnittliche Gewichtsreduktion als Semaglutid und unterscheidet sich durch seinen dualen GIP-/GLP-1-Wirkmechanismus.
Retatrutid zeigt im klinischen Phase-III-Programm sehr hohe Wirksamkeitswerte, bleibt jedoch weiterhin ein Wirkstoff in der klinischen Entwicklung und besitzt noch nicht denselben regulatorischen Status.
Die endgültige Entscheidung sollte daher nicht nur die potenzielle Wirksamkeit berücksichtigen, sondern ebenso Gesundheitszustand, Verträglichkeit, Behandlungsziele und die Bedeutung des Muskelerhalts. Die Auswahl des Präparats und das konkrete Therapieschema gehören in ärztliche Hand.
Semaglutid, Tirzepatid oder Retatrutid: die wichtigsten Ergebnisse des Vergleichs
Keiner der drei Wirkstoffe garantiert, dass während einer Gewichtsabnahme die gesamte Muskelmasse erhalten bleibt. Ernährung, Krafttraining und das Tempo der Gewichtsreduktion gehören weiterhin zu den wichtigsten Faktoren, die bestimmen, wie sich die Körperzusammensetzung verändert.
Semaglutid ist ein gut untersuchter GLP-1-Rezeptoragonist mit nachgewiesener Wirksamkeit bei der Gewichtskontrolle.
Tirzepatid ist ein dualer GIP-/GLP-1-Agonist, der in einem direkten Vergleich eine stärkere durchschnittliche Gewichtsreduktion als Semaglutid gezeigt hat.
Retatrutid ist ein noch untersuchter dreifacher GIP-/GLP-1-/Glukagon-Agonist mit sehr hohen Ergebnissen im klinischen Entwicklungsprogramm. Ein direkter Vergleich mit den beiden anderen Wirkstoffen sowie ein entsprechender regulatorischer Status fehlen bislang jedoch.
Der Vergleich lässt sich deshalb nicht auf die einfache Frage „Welcher Wirkstoff ist stärker?“ reduzieren. Für eine qualitativ gute Gewichtsabnahme zählen nicht nur verlorene Kilogramm, sondern ebenso Verträglichkeit, Erhalt der Muskelfunktion, Ernährung und der allgemeine Gesundheitszustand.





